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Exaudi- Gottesdienst mit Abendmahl Predigttext Joh 12, 31+32 Übersetzung: BasisBibel Jesus Christus sagt zu den Menschen, die bei ihm standen: Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt! Jetzt wird der Herrscher der Welt gestürzt! Aber ich werde von der Erde erhöht, und dann führe ich alle zu mir.
Liebe Gemeinde! Dieser kurze Absatz, aus dem der Wochenspruch für diese Woche stammt, bezeichnet die Kernaussage des Evangeliums bei Johannes. Evangelium ist nicht: Friede, Freude, Eierkuchen. Evangelium ist nicht eitel Harmonie und Glückseligkeit. Denn so ist unsere Welt nicht gestrickt. So sind wir Menschen nicht geartet. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein bei uns, soviel ist klar. Bei uns nicht, und anderswo auch nicht. Keiner sollte sich da etwas vormachen. Bei Johannes geht es um Ent- scheidung. Halte ich mich lieber an die Buchreligion, an die Mehrheitsmeinung, passe ich mich an an das, was "man" tut, denkt, glaubt, meint? Oder lasse ich mich von diesem Menschen aus Nazareth ansprechen, lasse ich sein Wort gelten als mir persönlich zugesagt, in mein Herz hinein sprechend? Betreibe ich Theologie, indem ich mir eine Meinung bilde über die Bedeutung Jesu in seiner Zeit, über seinen Ort innerhalb des jüdischen Glaubens, über seine Bedeutung für die frühe Kirche? Ich kann ein ganz lebhaftes Interesse an einem so verstandenen Evangelium haben und mich doch der eigentlichen Intention dieses Wortes entziehen: dass Gott mich anspricht, mich anschaut, mich herausfordert und zur Klärung verhilft? Ich kann Stunden und Wochen und Jahre lang mit anderen darüber diskutieren, welche Bedeutung der Kreuzestod Jesu hat, welches Gottesbild dahinter steht, oder ob das Grab, in dem Jesus lag, nun leer war nach seiner Auferstehung oder nicht. Für den Glauben trägt es nichts aus. Das Evangelium ist davon nicht berührt. Berührt bin ich, wo ich es zulasse, dass Gott eine Absicht für mich hat. Wo ich zulasse, dass Gott in mein Leben hinein wirkt. Gott wirkt- und ich werde, so heißt es bei einem der christlichen Mystiker. Was werde ich? Johannes schreibt: "Er- das Wort, das immer schon da war - kam in seine eigene Schöpfung. Aber die Menschen, die er geschaffen hatte, nahmen ihn nicht auf. Aber wer sich ihm öffnete, denen verlieh er das Recht, Kinder Gottes zu werden. Kinder Gottes wurden sie nicht durch ihre natürliche Geburt. Auch nicht, weil ein Mensch es wollte oder weil sie einen menschlichen Vater haben. Kinder Gottes wurden sie allein dadurch, dass Gott ihnen das wahre Leben schenkt. Manchem mag dies ärgerlich klingen. Sind denn nicht alle Menschen vor Gott gleich? Warum wird hier ein Unterschied gemacht zwischen dem natürlichen Menschen und dem, der das wahre Leben hat, der zu einem Kind Gottes gemacht wird. Und das nicht durch menschliches Wollen und menschliches Wirken, sondern weil Gott es ihnen schenkt? Wird es nicht Zeit, dass die Christen aufhören, solche Exklusivitätsansprüche zu stellen, sich als etwas Besseres zu fühlen? Doch, durchaus. Aber davon redet der Text gar nicht: dass sich hier irgendjemand über einen anderen erhebt. Es wäre ein grobes Missverständnis zu meinen: diejenigen, die das Evangelium besitzen, seien besser gestellt. Gott wirkt auf einen Menschen ein, eröffnet ihm die Perspektive sich zu entscheiden: möchtest du weiterhin dein eigenes Leben leben, selbstbestimmt, selbstgerecht, auf deine eigenen Interessen, deinen eigenen Vorteil, dein eigenes ansehen bedacht? Möchtest du an der Illusion festhalten, als sei bei dir alles zum Besten? Niemand hindert dich daran. Indem Jesus aber ins Spiel kommt, indem er seiner Sendung nachkommt, das Licht zu sein, das die Dunkelheit der Welt beleuchtet, das Brot zu sein, das ewiges Leben gibt, die Wahrheit zu sein, die Menschen frei macht - in dem Moment ist jeder, der dies hört, vor die Frage gestellt: willst du das für dich gelten lassen? Mancher wird sagen: Moment mal. Da brauche ich Bedenkzeit. Mancher wird sich ärgern und sagen: was nimmt der sich eigentlich heraus? Ist er nicht ein Mensch wie jeder andere? Wie kommt er dazu, so zu reden? Was maßt er sich an? Einige haben sich so über diesen Sendungsanspruch Jesu geärgert, dass es ihnen keine Ruhe gelassen hat. Sie haben ihn zum Schweigen gebracht, indem sie ihn an die römische Gerichtsbarkeit auslieferten, mit der Begründung: dieser ist ein Aufrührer, er will der König der Juden sein. Und der Vertreter des römischen Kaisers in dieser kleinen, aber als aufständisch bekannten judäischen Provinz, Pontius Pilatus wusste, wie mit Aufständischen umzugehen ist: ans Kreuz mit ihm. Johannes sagt nun: Diese Kreuz ist das Wendezeichen. Jesus wurde am Kreuz erhöht, sein Sieg über das Böse, Verderben- Bringende ist hier errungen worden. Das Todeszeichen wurde zum Triumpfzeichen: Es ist vollbracht! Und dieser Jesus sagt nun bereits vor seinem Tod an: "Wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich alle zu mir ziehen."
Viele Künstler haben diese Erhöhung, die Himmelfahrt Christi bildlich gestaltet: eine Gestalt, die aus dem sich öffnenden Grab aufsteigt und auffährt zum Himmel, nach oben, ins Blaue hinein, und wie die eine oder andere Gestalt von dieser Bewegung des Aufstieges mitgenommen, mitgerissen wird. Paul Gerhard hat dafür wahrhaft mitreißende Worte gefunden in seinem Lied: Auf, auf, mein Herz, mit Freuden. In der sechsten Strophe heißt es: Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied; wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit. Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell. Dies ist gesprochen auf dem Hintergrund des zu Ende gehenden dreißigjährigen Krieges, dem Versuch, mit militärischen Mitteln die Aufspaltung Europas in verschiedene Konfessionen zu überwinden - und nicht immer ging es dabei um die Religion, sehr oft auch um handfeste persönliche Interessen des einen und anderen Machthabers. Es gibt noch eine andere Wirklichkeit, die die jetzige umgreift und übersteigt, bezeugt uns Paul Gerhard. Es gibt ein Dasein, das von all den kriegerischen, von Machtstreben bestimmten Handlungen der Menschen, die sich Christen nennen, nicht kaputt gemacht werden kann. Es gibt die Hoffnung, dass diese gegenwärtigen Zustände nicht das letzte Wort sind, dass sie überwunden werden durch den, der den Tod und die Sünde, also das Abgetrenntsein des Menschen von Gott, überwunden hat. Johannes sagt: Schau auf das Kreuz. Hier ist der Ort, an dem das Ent- Scheidende schon geschehen ist. Hier ist das Gute, das Wahre, das Lebensfördernde geschieden von dem, was lebensfeindlich, verderbenbringend ist. Hier ist der erhöhte Christus zu sehen- nicht in irgendwelchen astronomischen Fernen. Hier ist der, der von sich sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln. Die Ent- Scheidungs- Schlacht findet im Innern des Menschen statt, der da steht und schaut und sich befragen lässt von diesem Menschen, dessen ganzes Leben ein Leben in Hingabe war- bis hin zu diesem Tod am Kreuz. Wer im Dunkeln steht, kann nichts sehen und wird nicht gesehen. Das ganze Leben eines solchen Menschen ist dunkel. Wer aber sich in das Licht stellt, der wird entdecken: da ist Licht und Schatten in meinem Leben. Da sind Seiten an mir, wo ich sagen kann: das ist gelungen, das ist gut gelaufen, das ist Leben, wie es sein soll: von Frieden und Freude geprägt. Und er wird auch entdecken: da sind Seiten an mir, die liegen im Dunkeln. Die sind von Angst oder Vergeltungssucht oder Machtstreben und Trägheit bestimmt. Das sind Seiten, wo ich mich selbst am wahren Leben hindere, wo ich mir selbst im Wege stehe. Wer sich in das Licht des Christus stellt, der von der Erde erhöht wurde, der weiß aber zugleich auch: Da ist einer, der mich anschaut mit Augen der Liebe, des Erbarmens. Mit den Augen dessen, der nicht verurteilt, wenn er richtet, sondern aufhilft, Mut macht, die Hoffnung stärkt und Zuversicht vermittelt. Von Franz von Assisi wie von Teresa von Avila wird überliefert, dass es der Blick auf den Gekreuzigten war, der sie zutiefst erschüttert und bewegt und mit einer großen Liebe zu Gott und den Menschen erfüllt habe. Es sind ganz schlichte Darstellungen, die aber sehr gut zum Ausdruck bringen, wie die Haltung des Gekreuzigten eine Haltung der Zuwendung ist. Schau, so groß ist meine Liebe zu dir. Schau, so weit ist mein herz offen für dich. Fürchte dich nicht vor den dunklen Seiten in dir, fürchte dich nicht vor den Menschen, die dich deswegen verurteilen. Ich habe den Tod besiegt, ich habe die Macht des Bösen gebrochen. Schau auf mich, nimm mich auf in dein Herz: und du wirst leben. Alles Verurteilen wird ein Ende haben. Einer der Wüstenväter, das sind die Menschen, die in die Wüste gegangen sind, um dort im ständigen Gebet und unter Verzicht auf alles, was nicht lebensnotwendig ist, mit den Dämonen gerungen haben, hat seine Erfahrung so in Worte gefasst: Schau auf Christus, und vergiss nicht, wie er dir in der Vergangenheit oft und oft beigestanden ist im Kampf gegen die Dämonen. Wir würden heute vielleicht sagen: Schau auf Christus, erinnere dich daran, wie er dir immer wieder beigestanden ist, wenn du darum gerungen hast, nicht von deinen Leidenschaften beherrscht zu werden. Gilt dies nun für eine ganz spezielle Art von Menschen, oder für alle? Es fällt ja auf, dass es in dem Wochenspruch ganz ohne Einschränkung heißt: "Ich werde von der Erde erhöht, und dann führe ich alle zu mir." Mancher, der an Christus glaubt, bekommt kalte Füße bei der Vorstellung, dass wirklich alle Menschen ohne Ausnahme zu Christus geführt werden. Wo bleibt dann der Lohn für das eigene Bemühen, wenn am Ende sowieso alle dazu gehören? Wo bleibt die Notwendigkeit, sich zu entscheiden, um nicht im Dunkeln zu tappen, sondern der Spur des Lichtes zu folgen, wenn am Ende alle Wege zu Christus führen? Zum einen sagt Christus selber ganz deutlich: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen." Nichts, was ein Mensch getan hat, kann ihn von der Liebe Gottes trennen. Nichts, worin ein Mensch sich vor Gott und gegenüber seinen Mitmenschen verfehlt hat, spricht so gegen ihn, dass er aus der Gemeinschaft mit Gott herausfällt. Allerdings: ins Dunkel zu geraten, vom Dunkel der Angst, der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung gefangen zu werden kann dazu führen, dass ein Mensch an Gott irre wird. Dass aus seiner Sicht dieser Gott dunkel ist, dunkle Seiten hat, unverständlich und nicht vertrauenswürdig wird. Dann und gerade dann ist es wichtig, auf diesen erhöhten Christus zu schauen, der sagt: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost: ich habe die Welt überwunden." In einer anderen Übersetzung heißt es: "In der Welt müsst ihr Leid und Schmerz aushalten. Aber verliert nicht den Mut: Ich habe diese Welt besiegt!" Aber noch eine andere Falle lauert im Dunkeln: eine Dunkelheit, die sich selber als Licht ausgibt. Das geschieht dann, wenn wir zwar behaupten, dass wir an Gott glauben und uns nach seinen Geboten ausrichten, aber in Wirklichkeit bestimmen wir die Richtung. Wir lesen die Bibel und hören die Predigt und suchen doch nur nach Selbstbestätigung. Wir beten und merken nicht, wie wir Gott mit unseren Gebeten zu bestimmen suchen. Wie wir ganz klare und feste Vorstellungen haben, was zu geschehen hat, damit die Welt wieder in Ordnung kommt. Scheinbar sind wir darin ganz fromm, ganz auf Gott ausgerichtet- und machen uns doch selber etwas vor. Wenn Jesus die Pharisäer und ihre Frömmigkeit so hart kritisiert, dann hat es genau diesen Grund. Niemand ist stärker gefährdet als der, der meint, Gott nicht zu brauchen. Oder der ihn nur gebraucht, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Ziemlich harsch sagt Jesus über die Menschen, die sich aufregen darüber, dass er am Sabbat einen Blinden geheilt hat: wenn ihr blind wärt, dann wäre euch wenigstens noch zu helfen. Aber so bleibt ihr in eurer Verblendung gefangen. Schaut auf den erhöhten Christus. Dann braucht ihr euch um euch selber nicht zu sorgen. Christus ist das Licht, das im Dunkeln scheint und das von der Dunkelheit nicht überwältigt wird. In ihm zeigt sich, wie groß die Liebe ist, mit der Gott uns Menschen liebt. In einem Taizélied heißt es: Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde, und du sagst uns: auch ihr seid das Licht. Amen.
drittletzter Sonntag im Kirchenjahr Röm 14, 7-9 (Übersetzung BasisBibel)
Keiner von uns lebt nur für sich selbst und keiner stirbt nur für sich selbst. Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir also leben oder ob wir sterben - immer gehören wir dem Herrn! Denn das ist der Grund, warum Christus gestorben ist und wieder lebendig wurde: Er sollte der Herr sein über die Toten und die Lebenden.
Liebe Gemeinde! In der Übersetzung von Martin Luther sind uns diese Zeilen bei Abkündigungen von Todesfällen wohl vertraut: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Zu Jesus Christus zu gehören, das ist eine Art Lebensversicherung, nicht nur für den Todesfall. Das wäre zu kurz gegriffen, wenn wir sagen würden: ich möchte wissen, wohin ich am Ende meines Lebens komme. In den Himmel kommen, ewiges Leben haben, bei Gott sein- für manche, vielleicht sogar für die meisten ist dies der Grund, an Gott zu glauben, sich einer christlichen Gemeinschaft anzuschließen. Wer nur im Blick auf das zukünftige Leben sich an Gott zu orientieren sucht, der greift zu kurz. Jesus hat etwas anderes gesagt und verkündet. „Das Reich Gottes ist nicht etwas, was erst nach dieser Zeit beginnt. Es hat schon jetzt begonnen und ist schon angebrochen: mitten unter euch und inwendig in euch." So haben wir es eben im Evangelium vernommen. Wie das? Im Vaterunser beten wir: „Dein Reich komme", und jetzt hören wir: es ist schon da? Was denn nun? Ist es schon da? Kommt es erst noch? Im Englischen gibt es die geniale Sprachform: „The Kingdom of God is coming" - es ist "im Kommen", im Anbruch begriffen. Es ereignet sich, dieses Kommen, dieses Anbrechen von Gottes Reich, mitten unter uns und in uns. Da, wo wir mit diesem Jesus, dem Christus Gottes in Kontakt kommen. Da wo wir unser Leben nach seinem ausrichten. Da wo wir uns anstecken lassen von seiner Vision einer gerechten Gesellschaft, in der die Armen, die Ausgestoßenen zu ihrem Recht kommen. Da wo wir uns hinein nehmen lassen in sein Vertrauen zu Gott: mitten in stürmisch bewegter See konnte er ruhig da liegen und schlafen, während seine Freunde um ihr Leben bangten. Den bestürzten Vater, der gerade gehört hat, dass seine Tochter gestorben ist und dass er den Wunderheiler nicht länger bemühen muss (Mk 5), ermutigt er, Vertrauen zu haben: „Fürchte dich nicht, glaube nur." Es ist möglich, zu diesem Jesus auch heute noch einen solchen spürlebendigen Kontakt zu haben. Theresa von Avila, anerkannte Kirchenlehrerin der katholischen Kirche aus dem Mittelalter, ermutigt zu einem „inneren Beten" mit dem Bild: „Schau, wie er dich anschaut: liebevoll und herzlich zugewandt." Alles steht und fällt mit dieser lebendigen Beziehung. „Wenn wir leben, so leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn." Wenn wir in diesem Kontakt stehen, aus diesem Kontakt heraus leben, dann ergibt sich manches anders und neu. Nicht, dass dann alles ganz einfach wäre und wir nur noch in Harmonie leben würden miteinander. Nein, wir sind die Menschen, die wir sind, mit den Veranlagungen, die wir haben. Manches fällt uns leichter und manches fällt uns auch sehr schwer. Ich zum Beispiel bin sehr impulsiv, manchmal sehr überzeugt von dem, was ich für richtig halte, und dann nicht zu bremsen. Das kann dazu führen, dass andere sich von meiner Art überfahren fühlen. Es ist gut, Jesus dann wie den guten Hirten an meiner Seite zu wissen, diesem Kontakt zu spüren. Wahrzunehmen, wie seine Ruhe, seine Geduld sich auf mich überträgt. „Fürchte dich nicht, hab Vertrauen." Wenn ich mich so hinein nehmen lasse in die Wirklichkeit Gottes, in das Reich seines Friedens, seiner Gerechtigkeit, dann spüre ich, wie sich meine innere Anspannung löst. Dann geht es nicht mehr darum, um jeden Preis Recht zu haben und dies gegen andere durchzusetzen. Dann genügt es, wenn ich meine Sicht der Wahrheit darstelle, in dem Wissen, dass diese meine Sicht subjektiv ist, genau wie andere ihre subjektive Sicht auf die Dinge haben, die kontrovers sind in einer Gemeinschaft. Über „die Wahrheit" verfügen wir nicht, keiner von uns. Aber Gottes Geist wirkt Erkenntnis, und die Wahrheit wird sich ihren eigenen Weg bahnen. Und so erlebe ich, wie Panik sich so nach und nach auflöst und Gelassenheit wächst. Wie ich das, was mich daran hindert, mich in dieser konkreten Situation jetzt ganz und gar Gott anzuvertrauen, nach und nach loslassen und frei geben kann. Wie ich mich in Gottes Hand fallen lassen kann. „Komme was mag. Gott ist mächtig. Er wird das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln." Verwandlung geschieht, sie wird nicht von uns gemacht und herbeigeführt. Verwandlung geschieht, wo wir uns der wirkmächtigen Kraft des Gottesgeistes überlassen. Diese Geisteskraft ist es, die Jesus Christus aus dem Tod ins Leben gerufen hat. Der Sieg über alle Todesmächte. Nicht nur der leibliche Tod: alle Form von Tod sind in dieser Kraft aufgehoben und verwandelt. Angst, die erstarren lässt Perspektivlosigkeit, die blind macht Hoffnungslosigkeit, die lähmt Sprachlosigkeit, die Verständigung unmöglich macht - all dies sind Formen des Todes mitten im Leben, die nur durch den kräftigen Windstoß des Geistes, der lebendig macht, der neu ins Leben ruft, überwunden werden. Und eben darum gilt: Es gibt keinen toten Punkt, an dem
wir für ewig und alle Zeiten verharren müssten. in eine neue Ausrichtung mit der Frage: „Wozu lebe ich? Was ist meine spezifische Aufgabe hier in diesem Leben, die ich und nur ich erfüllen kann: an diesem Ort, zu dieser Zeit? Zu was bin ich gerufen?" Es geht nicht nur um die großen Aufträge wie die einer Diakonenweihe (die dann urplötzlich ausgesetzt wird, und alle fassen sich an den Kopf, wie es sein kann, dass ein fröhlicher, lebendiger, glaubwürdiger Christ von seiner eigenen Kirche so ausgebremst wird, weil gehorsames sich Unterordnen unter das, was von Amts wegen gesagt und gedacht werden darf, wichtiger ist als die Orientierung am Vorbild Jesu), es geht nicht nur um die Frage, wo und wie kann und will ich mich in der Gemeinde engagieren (so gut und wichtig es ist, dass wir so viele engagierte und begeisterte Ehrenamtliche haben) - es geht um das, was jeder und jede einzelne von uns tut, wie jeder und jede von uns ihr Leben gestaltet. Ist da Raum für Freude, in meinem Leben? Ist da Raum für Dankbarkeit, Dank für das Leben, so wie es ist? Ist da Raum für eine Ausrichtung auf Gott, auch wenn Schmerzen unerträglich sind, auch wenn Panikattacken einen am Schlaf hindern? Geht es trotzdem, dieses Hinschauen auf Jesus, der durch all diese Not hindurchgegangen ist? Und der an meiner Seite ist und sagt: ich bin da, wenn ich Not leide? Leben wir, so leben wir für den Herrn. Das ist gerade kein Satz für Macher, die alles selber können, die das ganze Leben fest im Griff haben und genau wissen, was andere zu tun und zu lassen haben. Das wichtigste Instrument im Management des eigenen Lebens und dann auch des Gemeindelebens ist das Gebet. Gott, hier bin ich. Ich komme zu dir, so wie ich bin. Zeig mir meinen Weg. zeige uns einen Weg, wie es weiter gehen kann. Stärke uns auf unserem Weg. Dafür ist Jesus gestorben und wieder auferstanden: dass er der Herr ist über alle: die, die mitten im Leben stehen und die, die nicht mehr weiter wissen. Für die, die voller Lebensfreude sind und für die, die traurig, verletzt, enttäuscht sind. Sie alle, wir alle sind gerufen, uns am Tisch des Herrn zu versammeln. Jesus teilt Brot und Saft und Wein an uns aus. Jesus teilt sich an uns aus. Wer von seinem Brot isst und aus seinem Kelch trinkt, der partizipiert am Leben, das Jesus selber ist. A n dem Leben, das Gott uns zugedacht hat und uns zueignet. Nicht das, was gewesen ist, zählt, sondern das, was wir jetzt sind: vor Gott, in Gott, als Teilhaber an seinem kommenden Reich. Wir sind eingeladen zu leben- aus seiner Fülle. Amen.
--------------------------------------------------- Pfingsten 2010 23-05-2010 von Pfarrerin Falk Kurzpredigt zum Noahfenster Liebe Gemeinde! Die Arche ist in unserer Gemeinde wichtig. Sie ist abgebildet im Kirchensiegel, und sie ist abgebildet im Kirchenfenster, gegenüber dem Christusfenster. Sie ist das Symbol, das Zeichen für Gottes tragende, bewahrende Liebe, in allen stürmischen Zeiten des Lebens. Sie ist Zeichen der Hoffnung, da, wo unsere eigenen Pläne untergehen, wo wir mit unserem eigenen Wollen scheitern, weil Dinge sich anders entwickeln, als wir uns das vorgestellt haben. Die Arche ist der Ort des Überlebens unter widrigen Umständen. Aber das Fenster zeigt auch: das Leben in der Arche, in der Notunterkunft ist kein Dauerzustand. Einfach nur zu überleben, irgendwie, ist nicht das alleinige Ziel unseres Lebens. Die Zeit in der Arche, in der Notunterkunft ist begrenzt. Gott hat noch andere Pläne mit uns, Gott zeigt uns noch andere Wege, die wir gehen können und sollen. Es wird Zeit für einen Aufbruch. Noah ließ die Taube fliegen. Wir kennen die Taube als Symboltier des Friedens, zugleich ist die Taube auch eines der Bilder, welche die Gegenwart des Heiligen Geistes anzeigen. Bei der Schilderung der Taufe Jesu heißt es: und sie sahen den Himmel offen und den Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabschweben. Hier in dieser Taufkerze sehen wir die Taube abgebildet. Unsere Taufe verbindet uns mit Jesus, dem Messias Gottes. Jesus Christus ist für uns durch die große Todesnot gegangen, hat den Tod überwunden. Seit Pfingsten wird diese Botschaft laut weitergesagt, als frohe Botschaft, die sich ausbreitet und all unsere Uneinigkeiten relativiert. Gott will unser Heil. Gott verspricht uns den Schalom, den großen Schöpfungsfrieden. Dieser Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Dieser Frieden ist tiefgehend und umfassend. „Bestmögliches Gedeihen für alle, Menschen und Tiere und die ganze Schöpfung." - so lässt sich dieses Wort Schalom übersetzen. Diesen Frieden hat Gott uns zugedacht. Wo Gottes Geist weht, da kommt uns dieser Friede zu, da erfüllt er unsere Herzen und unsere Sinne. Die Taube mit dem Zweig im Schnabel, sie kündet von einem Leben unter neuen Bedingungen. Das Land wird wieder bewohnbar. Die Menschen können ihre Füße auf weiten Raum stellen, die Tiere können ihren eigenen Lebensraum wieder einnehmen: der Bär seine Höhle, der Fuchs seinen Bau, die Giraffe ihre Steppe, der Esel seine Weide. Jedem den Lebensraum, den er braucht. Und ein zweites Zeichen leuchtet auf in diesem Noahfenster: der Regenbogen. Leuchtendes Zeichen der Verbindung von Wasser, Luft, Licht, Erde. Eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. Gottes Bogen der Versöhnung für die Welt: nicht Krieg soll herrschen, sondern Frieden. Im Regenbogen verbinden sich Himmel und Erde. Der Regenbogen weist uns auf eine Dimension hin, die unsere begrenzte Sicht übersteigt. Das Leben ist mehr, reicht weiter als das, was wir mit unserer begrenzten Perspektive sehen und durchschauen können. Das weiße Licht springt auf in die unterschiedlichsten Farben. Alle entstammen ein- und demselben Licht und sind doch so unterschiedlich. Vielfalt und Einheit. So hat Gott uns Menschen gedacht, so sind auch die unterschiedlichen Konfessionen und Religionen aufeinander bezogen: das eine Licht leuchtet unterschiedlich auf in uns, zwischen uns. Wir schauen die Größe Gottes, wir schauen die Güte Gottes, wir staunen. Erleichterung, ja Jubel steigt in uns auf, wo wir dies begreifen. Du, Gott willst uns gut. Du, Gott, wendest dich uns zu. Wir sind dir wichtig. Unsere ganze Welt ist dir wichtig. Wir dürfen leben, im Einklang mit der Natur, im harmonischen Zusammenklang der verschiedensten Töne und Farbklänge. Wir feiern die Überwindung der Trennung, jetzt noch zeichenhaft, hier und da sich ereignend. Wir feiern mit den Klängen der Orgel, mit den Tönen unserer Lieder, mit Freude und Dankbarkeit. Du, Gott, willst unter uns wohnen. Taube und Regenbogen, Brot und Wein sind Zeichen deiner Präsenz mitten unter uns. Wir sagen dir Dank. Amen.
6. Sonntag nach Trinitatis (29.06.08 in Hangelar und Holzlar): 1. Petr. 2, 2-10 Liebe Gemeinde! Ein Kollege, der kürzlich Vater geworden ist, gestand mir auf meine Nachfrage, er fahre häufig mit so kleinen Augen zur Arbeit. Alle zwei Stunden habe der Kleine Hunger und bekomme dann sein Fläschchen. Mittlerweile erfuhr ich, daß sein Sohn nur noch im Abstand von vier Stunden, von Hunger geplagt, nach den Eltern rufe. Trotz aller Müdigkeit meinte der Kollege, sei es schön, dem Säugling dabei zuzusehen, wie er das Fläschchen bis auf den letzten Rest leert. „Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein" heißt es zu Beginn des für den heutigen Sonntag vorgesehenen Predigttextes. In der Tat, ein Säugling schreit so lange und anhaltend, bis sein Bedürfnis nach der Milch gestillt ist. Die Milch, die ihm in den ersten Lebensmonaten alles gibt, was er zum Leben nötig hat. Wenn dann die Eltern längst auf feste Kost umgestiegen sind, dann erinnern sie sich manchmal vielleicht etwas wehmütig an die Fläschchenzeit. Und manches aus der Fläschchenzeit herausgewachsene Kind teilt gelegentlich diese wehmütigen Gefühle und möchte in Papas oder Mamas Arm mit dem Fläschchen am Mund wieder einmal Baby spielen. Doch es bleibt beim bloßen Spiel. Kind und Eltern wird es deutlich – die Säuglingszeit ist unwiederbringlich vorbei! Die Adressaten des heutigen Predigttextes sollen nun nicht Baby oder Säugling spielen. Aber sie sollen sich den Hunger des Säuglings nach Milch bewahren. Mit der Milch ist hier nicht das am Tag oder in der Nacht dargebotene Fläschchen gemeint, sondern im übertragenen Sinne die gute Botschaft, das Evangelium. Diese Milch ist die Grundnahrung des Christen. Ihre Bestandteile sind nicht Eiweiß, Fett, Mineralstoffe und Vitamine. Diese „geistige Milch" als Grundnahrung für die Christen beinhaltet die Botschaft Jesu von der Liebe Gottes zu den Menschen und die sich daraus für uns Christen ergebenden Konsequenzen. Ein Säugling wird irgendwann das Fläschchen verweigern. Er wird sich der festen Nahrung zuwenden. Er ist dann nicht mehr auf die Ernährung durch die Milch angewiesen. Der Christ wird in unserem Predigttext an das Stadium der Säuglingszeit erinnert. Er soll begierig sein nach dem Evangelium und vielleicht wie das Kind des Kollegen auch noch den letzten Rest der „geistigen Milch" begierig in sich aufnehmen. Das bedeutet für mich, daß der Christ lebendig bleiben soll. Er soll das Evangelium aufnehmen, sich mit ihm auseinandersetzen und es weitergeben. Das kann in den Gottesdiensten geschehen, bei der Bibellese, in Wort und Lied, in den Gesprächen mit anderen Gemeindegliedern, bei Besuchen und bei Erlebnissen im Alltag. Der Christ soll aufmerksam und wach bleiben. Er soll fortwährend nach der „reinen und lauteren Milch" verlangen. So wie der Säugling nach seinem Fläschchen ruft. Und wehe, wenn er es nicht bekommt! So fordernd wie ein Säugling darf der Christ auch gegenüber Gott auftreten. Man erinnere sich an die Begebenheit, als die Jünger die Kinder zurückschicken wollen, damit Jesus nicht bei seinen ernsten Erwachsenenangelegenheiten gestört wird. Kinder fordern häufig ungehemmt ein. Und Jesus ist bereit, sich ihnen zu widmen. Indem er sich ihnen widmet, gibt er ihnen das Evangelium weiter. Er zeigt ihnen und in erster Linie den Erwachsenen, daß Gott keinesfalls genervt oder zornig ist, wenn wir uns fordernd an ihn wenden. „Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich." Diese Worte Jesu erinnern daran, daß wir uns fordernd an Gott wenden können, ohne immer wieder im Hinterkopf der bangen Frage nachzugehen, ob unser Verhalten dem guten Ton entspricht. Verlangen nach Gott, schreien nach Gott wie ein Säugling nach dem Fläschchen ruft. Der Säugling benötigt die Milch, um heranzuwachsen. Der Christ benötigt die „geistige Milch", um sich seines Glaubens zu vergewissern, um ihn zu stärken und immer wieder neu zu erfahren, was Gott von ihm verlangt. Er soll die Liebe Gottes, die er selbst erfahren hat, an seine Mitmenschen weitergeben. Diese Kraft zu diesem nicht immer leichten Unterfangen erhält der Christ aus dem Genuß der „geistigen Milch". Diese Milch dient nicht nur meinem eigenen Wachstum im Glauben, sondern ist zugleich die Energiequelle, für die Mitmenschen da zu sein. Der Christ lebt nicht für sich allein, sondern er ist Teil einer Gemeinschaft. Schottet er sich ab, dient er ausschließlich sich selbst und seinen eigenen Interessen. Er droht, weil ihm der Austausch und das Erleben mit den anderen fehlt, zu erstarren und zu versteinern. Vereinzelung bedeutet Versteinerung! Aber das Leben eines Christen findet nicht in der Vereinzelung statt. Ich erinnere mich, als ich vor Jahren von einer kirchlichen Freizeit zurückkehrte. Einer der Leiter sagte damals voraus: „Der Alltag wird euch wieder einholen." Nach einigen Tagen wußte ich, was er gemeint hatte. Jeden Tag wollte ich lesen und beten, aber nach drei Tagen war der Alltag stärker, daß ich es wieder ließ. Und ich habe gemerkt, daß es die Gemeinschaft während der Freizeit war, die den Ausschlag gegeben hatte und die mir zu Hause fehlte. So geht es mir noch heute. Gespräche, Gottesdienste und Begegnungen sind mir wichtig und bringen mich in meinem Glauben weiter. Versuche einer eigenen durchgängigen Bibellese verlaufen häufig im Sande. So werden die Christen im Predigttext mit den Steinen eines Bauwerks verglichen. Jeder Stein ist mit dem anderen verbunden. Bei Bauwerken sind die Steine gleichmäßig und passen ineinander. Die Christen gleichen in ihrer Gesamtheit eher einer bunten Steinesammlung, die man aus dem Urlaub mitgebracht hat. Es gibt große und kleine, helle und dunkle, runde und kantige, matte und glänzende, feste und bröckelnde Steine. Jeder Christ ist mit seinen Erfahrungen ein Teil dieser Gemeinschaft. Ein Bau, der aufgrund seiner Buntheit manchmal belächelt wird. Ein Bau, der aber trotz dieser Buntheit bis heute fest dasteht. Grund für diesen festen Stand ist der sogenannte Schluß- oder Eckstein, von dem im Predigttext die Rede ist. Darunter ist niemand anderes zu verstehen als Jesus Christus. Er kann sowohl der Stein im Fundament sein, auf den sich der ganze Bau gründet, als auch der Gewölbestein, der den Gewölbedruck auffängt und damit die Stabilität garantiert. In der Gemeinschaft besteht immer wieder die Gefahr der Profilierungssucht. Eine menschliche Schwäche, von der sich keiner freisprechen kann. Die Ausübung eines Amtes kann unter Umständen schnell der Pflege des eigenen Ego und nicht mehr der Gemeinschaft dienen. Was mit einem Bauwerk dann passieren kann, erlebe ich zur Zeit bei dem Spiel „Jenga" mit meinem Sohn. Vorgegeben ist ein Turm aus hölzernen Bausteinen. Ziel des Spieles ist es, so viele Bausteine wie möglich nach und nach aus dem Turm herauszuziehen und oben wieder aufzulegen. Der Turm wächst mit Geschick und Glück zu einer imposanten Höhe heran. Doch das Ende ist vorprogrammiert. Am Ende ist er so ausgehöhlt; die einstigen Gewölbesteine sind hoffnungslos überbaut, die Steine im Fundament büßen ihre Tragkraft ein. Der Turm bricht mit lautem Krach zusammen. So kann es dem Bauwerk der Christen ergehen, wenn diese sich aus dem Gefüge lösen und immer weiter nach oben streben, vom Fundament Jesus Christus weg. Wir werden als Christen daran erinnert, daß unser Fundament Christus ist und daß auch wir unseren Beitrag zur Stabilität dieses kunstvollen Bauwerkes durch unser Verhalten leisten. Natürlich hat die Schaffung von Ämtern ihren Sinn, doch im Predigttext wird einer Profilierungssucht eine klare Absage erteilt. Wir alle sind die Priesterschaft, heißt es. Alle Christen sind aufgefordert, kritisch zuzuhören und die in Amt und Würden Stehenden gegebenenfalls kritisch zu hinterfragen. Denn das Fundament ist Christus. Wer begierig bleibt nach der „reinen und lauteren Milch", der wird nicht Gefahr laufen, sich von dem Fundament Christus immer weiter zu entfernen und am Ende abzustürzen. „Darum steht in der Schrift: >Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.<" Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Gottesdienst am 6.4.2008 [Miserikordias Domini] in der Christuskirche zu Hangelar mit Pfarrer Hans-Georg Falk Predigttext: Hebräer 13, 20-21 „Von der Ertüchtigung, Gutes zu tun" Liebe Gemeinde! Hören wir den Predigttext, der uns für den heutigen Sonntag Misericordias Domini auf die Kanzel gelegt ist. Es sind 2 Verse vom Ende des Hebräerbriefes - Segenswünsche. Sie sind an alle Gläubigen aller Gemeinden gerichtet. Doch kommt es mir fast so vor, als wären sie ein Gruß des Neuen Testaments gerade an unsere neuen Presbyteriumsmitglieder, die am vergangenen Sonntag in ihr Amt eingeführt worden sind und am kommenden Dienstag zur ersten Presbyteriumssitzung zusammen kommen werden. Wir lesen im Hebräerbrief, Kapitel 13, die Verse 20-21: Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Liebe Gemeinde! Eines Tages war die Hölle überfüllt und draußen wuchs die Schlange derer, die Einlass begehrten. Im Himmel waren sie aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen nicht aufgenommen worden. Aber irgendwo musste man doch hin, um seinen Platz in der Ewigkeit zu finden! Die Menge draußen vor der Hölle begann zu murren. Schließlich kam der Oberteufel heraus und verkündete: Es tut mir Leid, aber wir haben nur noch einen Platz frei. Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, wer der würdigste Kandidat für diesen Platz ist. Die Aufgabe war schwieriger, als er gedacht hatte. Schließlich sah er einen, den er noch nicht gefragt hatte und der offensichtlich selber der Meinung war, hier vor der Hölle am falschen Platz zu sein. „So, so, mein Lieber! Ja, Sie da, der Herr, der da allein am Rande steht, Sie meine ich. Was haben Sie denn getan, dass Sie jetzt hier vor der Hölle stehen?" „Ich ?", fragte der Mann zurück. „Also, das muss alles ein großes Missverständnis sein. Ich habe nämlich nichts getan!" „Nichts?", fragte der Oberteufel zurück. „Aber Sie müssen doch etwas getan haben, jeder Mensch stellt mal was an!" „Ich sah es wohl", sagte der ‚gute’ Mensch, „dass andere Schlimmes taten. Aber ich habe mich stets davon fern gehalten." „Stets fern gehalten?" fragte der Oberteufel zweifelnd zurück. „Jawohl," bestätigte der ‚gute’ Mensch. „Ich erlebte, wie ein Mensch einen anderen betrog. Ich habe gesehen, wie Erwachsene Kinder hungern ließen und sogar in die Sklaverei verkauften. Ich sah, wie Arme ausgebeutet und Schwache unterdrückt wurden. Aber ich widerstand allen Versuchungen, dabei mitzumachen und tat nichts." „Absolut nichts?", fragte der Oberteufel ungläubig. „Und Sie sind ganz sicher, dass Sie das alles mit eigenen Augen gesehen haben?" „So wahr ich hier stehe", sagte der ‚gute’ Mensch, „vor meiner eigenen Tür habe ich es gesehen." „Und nichts haben Sie getan?", fragte der Oberteufel noch einmal. „Nein, nichts!", sagte der ‚gute’ Mensch. „Komm herein, mein Sohn, der Platz gehört dir!" Und als er den ‚guten’ Menschen einließ, drückte sich der Oberteufel ein wenig zur Seite, um nicht mit ihm in Berührung zu kommen. Liebe Gemeinde, manches ist an dieser Geschichte sicher nicht zu wörtlich zu nehmen. Doch es bleibt ihre Kernaussage: Unser Tun oder Nicht-Tun ist von Bedeutung - in dieser Welt und in Ewigkeit. Wer zu Gottes Welt gehören möchte, wird nicht darum herum kommen, das Wagnis des Handelns auf sich zu nehmen. Es ist allemal besser, als ein „armer Sünder" da zu stehen, der weiß, dass er eine Menge verbockt hat und ganz auf Gottes Vergebung angewiesen ist, als gar nichts zu tun. Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen" Dieser Segenswunsch ist der rote Faden, der sich durch unseren Predigttext zieht. Und dieser Wunsch zeigt uns zugleich auch, woran wir uns halten können, wenn wir als Christen nicht untätig bleiben wollen. Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen" Das gilt Ihnen, liebe Gottesdienstgemeinde, die Sie nachher durch die Kirchentür gehen und sich mitten im Alltag wiederfinden mit der ständigen Frage im Nacken, wo und wie man da überall Gutes tun soll. Das gilt allen Jugendlichen und Konfirmanden, die auch schon ein Gespür dafür haben, was gut ist und was nicht gut ist und die auch immer mal wieder vor der Frage stehen: soll ich mich einmischen, wenn andere etwas Böses tun oder soll ich mit machen, weil das doch „cool" ist? Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen" Das gilt allen, die von Berufs wegen oder aus Berufung in dieser Gemeinde und für andere Menschen versuchen, Gutes zu tun. Das gilt auch unseren neuen Presbyteriumsmitgliedern, die an der Schwelle zu ihrem neuen Amt stehen. Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen" Ich möchte diesem Segenswunsch in 3 Betonungen nachgehen: 1. Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen" Der Gott des Friedens - schaffen wir das denn nicht alleine? Wir sind doch tüchtig! Wir schaffen doch sonst alles alleine: in der Schule, im Beruf, im Haushalt, in der Ehe. Wir Menschen haben es doch so weit gebracht: Menschen waren auf dem Mond, Menschen leben in einer Raumstation, bald gehört uns auch noch der Weltraum! In unserem Staat ist zwar nicht alles ideal, aber unsere Häuser sind recht groß und wohnlich eingerichtet, die Schaufenster unserer Geschäfte prall gefüllt und immer mehr Staaten wollen sich dem Wohlstand Europas annähern, politisch und wirtschftlich. Dann muss es uns doch wohl gut gehen! Zweifellos ist es so, dass wir Menschen mit Gottes Hilfe eine Menge Gutes bewirkt haben, denken wir nur an die Medizin, an die sozialen Hilfen für Bedürftige, denken wir an 63 Jahre Frieden in unserem Land und dass wir alle genug zum Sattwerden haben. Zeit also, dass wir Christen uns selbstgefällig zur Ruhe setzen? Sind wir so weit, dass es reicht, wenn wir wie jener ‚gute’ Mensch aus der Geschichte bei Straftaten nicht mitmachen? Tür zu - was andere anstellen, geht mich nichts an? Und dann klingelt es an meiner Haustür, ein Mensch ohne Wohnung und Arbeit steht da und bittet um etwas zu essen. Und als ich ihm dann eine aufgewärmte Hühnersuppe aus der Dose bringe, strahlen seine Augen und immer wieder sagt er: „Das schmeckt aber gut!" Brot bekäme er schon öfter mal geschenkt, aber etwas Warmes … Arbeit? Ein guter Mensch hätte ihm mal eine beschaffen wollen, aber keiner habe ihn haben wollen - in seinem Alter, ohne festen Wohnsitz, nichts gelernt, die Gesundheit nicht die beste … „Frieden gabst du schon - Frieden muss noch werden" - so heißt es in einem unserer modernen Kirchenlieder. Friede als ein Zustand des Gleichgewichts, in dem ein Mensch seine Aufgabe und sein Auskommen hat und selber zufrieden ist mit dem was er hat, in dem einer den anderen gelten lässt und als Menschen wert schätzt - „Friede muss noch werden!" Und ich höre von Familienvätern, die einfach so arbeitslos werden, weil die Firma pleite macht, vielleicht weil die Arbeit in Billiglohnländer ausgelagert wird, weil das Unternehmen „verschlankt" wird, wie es zur Rechtfertigung heißt. „Frieden gabst du schon - Frieden muss noch werden". Ich höre von Bauern auf dem afrikanischen Kontinent, die ihre Waren auf dem heimischen Markt nicht mehr verkaufen können, weil mit Subventionen hergestellte Nahrungsmittel aus Europa billiger zu kaufen sind - Globalisierung nennt man das heute. „Frieden gabst du schon - Frieden muss noch werden". Gott selber ist der Gott des Friedens. Er ist nie müde geworden, uns Frieden anzutragen, vorzumachen, hinterherzutragen. Er hat seinen Friedenswillen durch Propheten kund getan, durch politische Führer umsetzen lassen. Er hat mit seinem Sohn Jesus Christus Frieden und Versöhnung schlechthin zu den Menschen gebracht. Gott selber ist der Maßstab, an dem sich unsere Friedlichkeit, unsere Mitmenschlichkeit, unsere Fürsorge und unsere Gerechtigkeit zu messen haben. Gott selber zeigt uns, dass der Friede, so wie er ihn sich vorstellt, noch nicht verwirklicht ist, indem er Menschen bei ihrem Gewissen packt und sie aufbegehren lässt gegen alles, was noch nicht gut ist. Gott ist und bleibt der Aktive. Er prangert Falsches an. Er beunruhigt Menschen und lässt sie aufbegehren. Er gibt sich nicht mit Unrecht und Lieblosigkeit zufrieden. Er gibt sein Ziel, einen wirklichen Frieden, nicht auf. 2. Der Gott des Friedens - wenn wir ihn als den aktivsten Friedensstifter erkennen und ernst nehmen, drängt sich fast von selbst die Frage auf: „Wo stehen wir, die wir an ihn glauben, die wir uns zu ihm halten?" Und sicherlich schwant uns auch, dass unsere Rolle dabei nicht die des Zuschauers sein kann. Innerlich mag nun mancher unter uns stöhnen, denn das klingt nach reichlich Arbeit: „Frieden muss noch werden" - au weia, da gibt es aber noch manches zu tun. Stopp! Das ist nicht die Botschaft der Bibel. Es gibt kein Gebot „Du sollst Frieden schaffen!" Und warum? Weil wir es gar nicht erfüllen könnten. Gott fordert niemals etwas Unmögliches von uns. Und deshalb sagt Paulus - und man beachte den feinen Unterschied: „Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen". Nicht: „du sollst tüchtig sein, sondern: Der mache euch tüchtig - damit werden wir uns wohl abfinden müssen: In Gottes Augen ist es mit unserer Tüchtigkeit nicht weit her. Wenn Gott sich also unserer Hände bedienen will, bleibt nur der eine Weg: er muss uns tüchtig machen. Oder umgekehrt: wir brauchen uns nur ertüchtigen lassen. Das kann er. Und das tut er wirklich. Mir fallen ein paar Beispiele ein: Damals in der DDR, kurz bevor die Mauer fiel. Plötzlich sprachen in einem Land, das in großen Teilen atheistisch geworden war, alle von der Kirche. Und Christen sind über sich hinausgewachsen, haben Demonstrationen und Friedensgebete organisiert, haben Risiken für Leib und Leben auf sich genommen - und das alles, weil Gott sie tüchtig gemacht hat zu den Aufgaben, die getan werden mussten, um mehr Frieden zu verwirklichen. Oder denken wir an andere große Gestalten des christlichen Glaubens: Franz von Assisi, Martin Luther, Dietrich Bonhoeffer, Mutter Theresa, um nur einige zu nennen. Sie alle ließen sich von Gott ertüchtigen zu ihrer Aufgabe. Und wir merken: Nein, wir Christen sind längst noch nicht in den Ruhestand entlassen. Wenn wir offen sind für Gott, dann werden uns ungeahnte Kräfte zuwachsen. Und sie werden uns tüchtig machen, Gutes zu tun - jeder von uns an seiner Stelle im Leben, jeder vor der eigenen Haustür. 3. Und hier sind wir beim 3. Gedanken unseres Textes: „Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen". Tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen. Über das Gute kann man ja manchmal unterschiedlicher Ansicht sein. Oft nennen wir das gut, was uns persönlich nützlich ist. Deshalb nennen wir gut, was wenig kostet, gut schmeckt oder lange hält - dabei kümmert uns meist herzlich wenig, ob die Erzeuger noch einen fairen Arbeitslohn bekommen oder ob da nicht gerade Arbeitsplätze nach Asien verschwinden. Nicht immer ist gut, was auf den ersten Blick gut scheint. Tüchtig zu allem Guten - vielleicht beginnt das mit dem Unterscheiden-Können zwischen „gut für mich" und „Gut nach Gottes Willen". Vielleicht wird das konkret beim nächsten Einkauf mit der Frage: ist „billig" in diesem konkreten Fall wirklich „gut"? „Tüchtig zu allem Guten" - das beginnt mit der Frage: Wem nützt mein Tun und wem könnte es schaden? Was würde Jesus an meiner Stelle tun und wo würde er mir in den Arm fallen? Und es geht mit Fragen weiter: Wie weit soll meine Nächstenliebe und Dienstbereitschaft gehen und wo muss eine Grenze des Guten sein? Wo ist es „zuviel des Guten", wie man im Volksmund sagt, weil mein Gutes, das ich tue, irgendwann nur noch ausgenutzt wird und sich der Segen des Guten dann ins Gegenteil kehrt? Spätestens jetzt merken wir, liebe Gemeinde, dass es gar nicht so leicht ist, Gutes zu tun, selbst wenn man von Gott dazu ertüchtigt wurde. Vor allem dürfen wir nicht beim Blick auf das Materielle stehen bleiben. Gutes tue ich meinem Mitmenschen immer dann, wenn ich ihm helfe, Heil zu finden, heil zu werden an Leib, Seele und an Geist. Gutes tue ich, wenn ich helfe, dass die Beziehung eines Menschen zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu Gott in Ordnung kommt; wenn ich einem Menschen helfe, zufrieden und dankbar für das zu sein, was er hat und freigebig zu verschenken, was er selbst geschenkt bekam. „Der Gott des Friedens aber, … der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen". Das ist ein Segen für Menschen, die sich in Gottes Dienst rufen lassen. Gott hat mit uns einen Bund geschlossen. Wie ernst es ihm mit diesem Bund ist, hat er uns mit seinem Sohn Jesus Christus deutlich gemacht. Gottes Bund, das bedeutet für uns so etwas wie ein Beamtenverhältnis auf Lebenszeit. Gott beruft uns, arbeitslos wird man auch nicht und unser Dienstherr verspricht, uns zu ertüchtigen, also mit allem Nötigen auszustatten. Gott ist aktiv. Er ruft uns zum Dienst. Er macht uns tüchtig. Sein Segen begleitet uns. Wenn das keine Perspektive ist! Amen.
Warum musste Jesus am Kreuz sterben? eine Karfreitagspredigt über Jes 53, 4-6 Liebe Gemeinde! Warum musste Jesus am Kreuz sterben? Wenn er von Gott gesandt war, der Messias, der Gottessohn- warum musste seine Mission dann so enden, mit diesem schmählichen, brutalen Tod? Wie kann sich in diesem Geschehen die Liebe Gottes widerspiegeln, ist das nicht völlig absurd? Oder haben vielleicht die Theologen recht, die Gott aufspalten in eine liebevolle, zugewandte Seite und eine streng und zornig strafende? So dass der Mensch, so dass ich in dieser ständigen Ambivalenz stehe, nicht genau zu wissen, mit wem ich es eigentlich zu tun habe: mit dem Gott, der Liebe ist, oder mit dem Gott, der hart ins Gericht geht? Wer ist Gott? Wie ist Gott? Welchen Weg ist Jesus gegangen, im Vertrauen auf diesen Gott? Und was hat sein Weg für uns eröffnet? Fragen, die nicht erst uns bewegen, Fragen, die schon unter den frühen Christen diskutiert wurden und auf eine Antwort drängten. Am Anfang des Gottesdienstes hat uns die schola den Philipperhymnus gesungen, das alte Lied von dem einen, der aus Gott stammt, der in Gott seinen Ursprung hatte und der all das, was seine Identität ausmachte, zurückgelassen hat, um sich ganz und gar auf diese arm- selige, leid- erfüllte menschliche Existenz einzulassen. Und zwar auf der untersten Ebene, alle menschliche Allüren und Statussymbole missachtend. „Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz." Wem wurde er auf diese Weise gehorsam, auf welche innere Stimme hörte er, um seinen Weg zu finden und zu gehen? Welche Not - Wendigkeit bestand für ihn, nach Jerusalem zu gehen, in dem Wissen, wie gefährlich das für ihn war, welchem Impuls gehorchte er, als er in Jerusalem zu jener höchst provozierenden Aktion schritt, die in den Evangelien als Tempelreinigung geschildert wird: dem radikalen Aufräumen im Tempel, dem Hinauswurf der Händler und Geldwechsler, im Aufräumen mit einer Form von Religiosität, die sich weitgehend auf Äußerlichkeiten gründete? Jesus war radikal in seinen Ansichten, was Opferhandlungen, was veräußerlichte Gebotserfüllung anging. Sein Kriterium war: ist der Mitmensch noch im Blick? Und diese seine Sichtweise hat er mit seinem Reden und Handeln in Jerusalem, im Tempel wohl sehr deutlich gemacht. Kein Wunder, dass die Priesteraristokratie und ihren Einfluss fürchtete, dass sie mutmaßte: wenn diesem Jesus nicht Einhalt geboten wird, dann wird das Volk einen Aufruhr starten, und bei dem dann zu befürchtenden Gegenschlag der Römer würden sie ihren Einfluss verlieren. Von daher ist es nur logisch, der Beschluss, diesem Störer Jesus endlich Einhalt zu gebieten. Auf dieser Ebene, denke ich, ist es uns nicht schwer nachzuvollziehen, wie es kam, dass Jesus am Kreuz geendet ist. Menschen wollten seinen Tod, um ihre Macht, ihren Einfluss zu retten. Aber da ist dann noch die andere Ebene, dieses rätselhafte „gehorsam bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz.", von dem Paulus schreibt. Da sind die in den Evangelien überlieferten Vorhersagen Jesu selber: „Es ist notwendig, dass der Menschensohn leidet und stirbt." Eine Sichtweise, die uns ganz und gar nicht einleuchtet, die unserem natürlichen Empfinden entgegensteht, die unserem gesunden Menschenverstand nicht einleuchtet. Wer fordert diesen Gehorsam? Wer setzt dieses „es muss sein."? Meine Konfirmanden kamen, als wir über das Abendmahl und das Passionsgeschehen sprachen, zu der Antwort: „Jesus musste sterben, sonst konnte er ja nicht auferstehen." Jesus musste durch das leid, den schmerz, die Todesangst, das Sterben hindurchgehen, um den Weg zu bahnen, der ins Leben führt, in ein Leben, über das der Tod keine Macht mehr hat. Das Kreuz Jesu - nur von Ostern her kann ich es verstehen und begreifen: Indem Jesus freiwillig den Tod auf sich nimmt, leidet und stirbt, da bahnt er einen neuen Weg. Es ist ein bahnbrechendes Ereignis. Es geht um mehr als um die Wiederherstellung eines alten Zustandes: Jesus bahnt den weg in eine ganz neue Art der Gemeinschaft mit Gott. Für Jesus selber wir auch für die junge Gemeinde der ersten Christen gab es eine Schrift, die ihnen half, diesen Weg zu verstehen und gehen zu können. Es ist der Rückgriff auf die Gottesknechtslieder bei dem Propheten Jesaja, 600 Jahre vor Christus geschrieben - es ist lohnend, sie insgesamt einmal zur Kenntnis zu nehmen. Jes 42,1-4 Jes 49,1-6 Jes 50,4-11 Jes 52,13-53,12 Ich greife einige Verse aus dem letzten Gottesknechtslied heraus: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen." (53,4) Fürwahr - das zeigt: hier geht es um eine ganz tiefe, existentielle Wahrheit. Es geht ums Leben, um unser Leben. Genauer gesagt: es geht um die Schattenseiten unseres Lebens. Es geht um das, woran unser Leben krankt, woran wir krank sind: - unser Leben ohne Maß, unsere grenzenlose Gier nach Leben, immer mehr erleben wollen, - unser rücksichtloses Ausbeuten der Schätze dieser Erde, der Rohstoffe - um die Rücksichtslosigkeit, mit der wir auf unseren eigenen Vorteil bedacht sind, - unsere Rechthaberei, unser Machstreben. Bei dem Einen drängt es ganz unverhohlen nach Außen, bei dem Anderen zeigt es sich eher versteckt, in subtiler Form: leben tun wir alle diesen Lebensstil. Alles haben, alles in Besitz nehmen wollen, Geld und Wissen und Einfluss… und unsere Sicherheit ganz und gar abhängig machen von dem, was wir haben, besitzen, unser eigen nennen, als ob unser Lebensglück davon abhinge… niemand ist davon ausgenommen. „Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen." (53,4) Wir sind auch Leidtragende dieser sich ausbreitenden Ego- Kultur. Wir erleben die Rücksichtslosigkeit, die verletzenden Worte, die verletzenden Handlungen anderer und reagieren darauf. Wie leiden, wir sind gekränkt. Wir leiden aber auch an der Unvollkommenheit unserer menschlichen Natur: der Anfälligkeit für Störungen und Erkrankungen des Leibes, der eingeschränkten Leistungsfähigkeit von Körper und Geist, dem Älterwerden und den Beschränkungen, die dies mit sich bringt. Er trägt es, er hat es auf sich genommen: nicht in dem Sinne, dass er es uns abnimmt, es an unserer Statt trägt, so dass wir selber frei wären von all diesen Einschränkungen, aber: er ist an unserer Seite, solidarisch mit- tragend, mit- leidend, mit- fühlend. Niemand von uns ist allein in seinem Schmerz. Niemand von uns ist allein in seiner Trauer. Niemand von uns ist den Kränkungen, die das Leben mit sich bringt, einfach nur ausgeliefert. Da ist ein DU an deiner Seite, ein DU, das dieses Leid sehr wohl kennt, dem das Gefühl von schreiendem Schmerz und grenzenloser Einsamkeit, von Ausgeliefertsein an die Willkür brutaler Menschen nicht unbekannt ist. Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hände. Was immer dich leiden macht in dieser Welt, es ist Gott nicht unbekannt, nicht verborgen - es hat ihn dazu veranlasst, sich aufzumachen und uns aufzusuchen, bei uns zu sein, die Bedingungen unserer menschliche Existenz am eigenen Leib zu erfahren. Dieser Gott bleibt nicht auf Abstand.
Nur: uns selbst ist oft genug der Blick verstellt und verborgen, durch unsere gewohnten Denkraster. Und eines dieser alten und sehr vertrauten Denkraster heißt: Wo ein Mensch leidet, da hat er sich was zuschulden kommen lassen. Leiden ist eine Strafe von Gott. Und der Atheismus der Postmoderne wartet mit einer sehr ähnlichen Variante auf: Alles was geschieht, ist eine Manifestation von Gedanken. Gedanken haben magische Kräfte, sie konstruieren eine neue Wirklichkeit. Also: alles was geschieht, geschieht, weil du es so gedacht hat. Zumindest unbewusst. Das bedeutet: Woran du leidest, was dir an Unglück widerfährt: du hast es kraft deiner Gedanken selbst auf dich herabgezogen. Solche und ähnliche Gedankenmuster führen dazu, dass wir Gott nicht mehr erkennen, dass wir den leidenden Mitmenschen verkennen und verachten. „Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre." (53,4) Gott als jemand, der anderen Leiden zufügt, aktiv - ist uns das eigentlich bewusst, dass es am Karfreitag genau darum geht, dieses Denken als Verkehrung zu entlarven, dass diese verkehrte Denkvorstellung endlich aufgebrochen und aufgehoben sein will? Bis in die Passionslieder hinein tönt noch immer das alte Lied vom Zorn Gottes, der nur durch den Tod eines unschuldigen Menschen gestillt werden kann. Nein!!! So nicht!!! Vielmehr geht es darum zu erkennen: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten." (53,5) Die Strafe, alles Denken in den Kategorien von Strafe und Vergeltung ist aufgelaufen, ans Ende gekommen, ad absurdum geführt: so nicht! Die Angst vor Strafe hat noch niemanden wirklichen Frieden finden lassen. Unsere Sünde, das ist das, was uns von Gott trennt: und das ist eben genau diese verquere Vorstellung von einem grausam strafenden Gott, der nach dem Opfer eines Menschen schreit, - diese Vorstellung ist aufgehoben, durchgestrichen, außer Kraft gesetzt: sie soll keine Macht mehr haben über Menschen! Gott geht anders mit uns um. Fortan gilt das umgekehrte: Wo immer ein Mensch dem anderen gnadenlos zusetzt, da wendet er sich gegen Gott. Das anzunehmen, das anzuerkennen: darin könnte unser Friede liegen. Allerdings gehört dazu ehrliche Selbsterkenntnis, Anerkenntnis von dem, wie ich eben auch bin. „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg." (53,5) Ein Sprichwort sagt: Jeder ist sich selbst der Nächste. Und die Erfahrung bestätigt dies. Manchmal können wir nicht weiter sehen als bis zu unserer eigenen Nasenspitze. - Wir wollen recht haben, und der andere soll uns beipflichten, dass wir im Recht sind. - Wir sind auf unseren eigenen Vorteil bedacht und bedenken oft nicht, welche Folgen unser Tun und Reden tatsächlich auf die anderen und für die Schöpfung hat. - Uns geht es um unser Wohlergehen, um unsere eigene Bequemlichkeit: nur ungern lassen wir uns daraus aufstören, aus unserem Harmoniebedürfnis reißen, um engagiert Stellung zu beziehen. Ich sage nicht, dass wir nur solche krassen Egoisten sind. Wir sind durchaus fähig zu Mitgefühl, zu Hingabe, zu selbstlosem Handeln. Aber diese Fähigkeit des Menschen muss erst angestoßen, wach gerufen werden. Jesus lädt ein zu einem Perspektivwechsel: absehen von sich selbst, hinschauen auf das, was den anderen betrifft. Die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter ist ein Paradebeispiel dafür. Am Anfang dieses Gleichnisses steht die Frage eines am Gesetz Interessierten: Wer ist denn mein Nächster? Er fragt nach seiner Zuständigkeit, möchte sich abgrenzen. Jesus antwortet mit der bekannten Parabel, und diese mündet in der Frage: Was meinst du, wer ist dem, der unter die Räuber gefallen ist, zum Nächsten geworden? „Behandle den anderen so, wie du auch selbst behandelt werden möchtest.", so lautet die goldene Regel in der Bergpredigt. Schau den anderen Menschen doch an, mit dem du zusammen lebst, mit dem du zusammen arbeitest. Zusammen Sein bedeutet mehr als zu erwarten, dass Menschen reibungslos funktionieren. Menschen sind keine Maschinen. Mitmenschen sind keine seelenlosen Wesen. Die Menschlichkeit muss immer wieder in uns wachgerufen werden. Der Blick auf den, der sein ganzes Leben in Hingabe lebte, in leidenschaftlichem Streiten für eine Kultur des Vertrauens: - des Vertrauens zu Gott, - des Vertrauens zu uns selbst und den Fähigkeiten, die in uns stecken, - des Vertrauens zu den anderen und dem Reichtum ihrer Begabung Und der sein Leben lebte in einfühlsamer Begegnung mit Menschen, die ausgestoßen waren, mit Menschen mit Behinderungen. Und nicht zuletzt in der Überwindung der Todesangst und Todesnot. Indem wir so auf diesen Menschen schauen, können wir lernen, selber Mensch zu werden. Menschlich miteinander umzugehen. Jesus Christus ist uns Vorbild darin, er ist aber auch der, der unaufhörlich für uns betet, damit wir das Vertrauen in das Umfassende Ganze, in Gott nicht verlieren. Christus verhelfe uns dazu, dass wir wahre Menschlichkeit leben, dass wir aufrecht durchs Leben gehen und uns einander zuwenden. Amen.
Gottesdienst am 20.1.2008 [Septuagesimae] in der Christuskirche zu Hangelar mit Pfarrer Hans-Georg Falk Predigttext: Jeremia 9, 22-23 Liebe Gemeinde! Heute geht es in der alttestamentlichen Lesung, die ich als Predigttext ausgewählt habe, um eine Sache, die wir alle gut kennen und wohl auch können: das Prahlen. Haben Sie schon einmal bewusst zugehört, wenn Kinder untereinander prahlen? Kommt ein Kind aus dem Kindergarten und sagt: „Du, Papa, der Peter hat erzählt, sein Vater fährt immer bei Rot über die Ampel. Kannst du das auch?" - Da ist man erst mal sprachlos. Väter scheinen als Prahlobjekte vor allem bei Kindergartenkindern sehr beliebt zu sein. Aber auch „große Brüder" sind hoch im Kurs. Haustiere wie Meerschweinchen, Zwerghasen, Hunde und sogar Pferde lassen sich ebenfalls gut verwenden. Und die Errungenschaften der Technik bieten ebenfalls unendliche Möglichkeiten. Wer hat das neueste, teuerste Handy mit den besten Spielen drauf? Die coolste Spielekonsole oder das abgefahrenste Computerspiel? Im Grunde gibt es nichts, womit man nicht prahlen könnte. Hauptsache, es ist ausgefallen und der andere hat es nicht. Wir merken: Angeben gehört offenbar zum Leben dazu. Und was wir an unseren Kindern beobachten, zeigt nur, wie sie schon mal für’s Erwachenenleben üben. Denn unter Erwachsenen geht es genau so weiter: Klar, Erwachsene versuchen, etwas unauffälliger zu prahlen. Mit der teuren Markenkleidung, mit dem schicken Auto, mit der exclusiven Wohnung oder der großen Reise. Wer es sich leisten kann, geht zum Berliner Presseball oder gar zum Wiener Opernball - und das ganz bestimmt nicht nur um zu tanzen. Aber bleiben wir doch bei uns: wir Eltern prahlen gerne mit unseren Kindern, wie gut sie in der Schule sind, welche Position sie im Berufsleben erreicht haben. Ich glaube, es gehört zu unserer menschlichen Natur dazu, dass wir uns größer und besser machen wollen als wir es tatsächlich sind. Wahrscheinlich steckt dahinter das Ur-Bewusstsein, dass wir Menschen doch im Grunde ganz kleine Wesen sind, so beschränkt in unserem Wissen, so begrenzt in unseren Möglichkeiten, so endlich in unserer Lebensspanne. Und dabei noch voller Fehler und Versagen. Wahrscheinlich brauchen wir da ab und zu das Prahlen in offener oder versteckter Form, um unser Selbstwertgefühl zu heben, um uns ab und zu den anderen überlegen zu fühlen. Unser Predigttext macht sich so seine eigenen Gedanken über das Prahlen. Es ist ein Prophetenwort, von Jeremia im 9.Kapitel, Vers 22-23 aufgeschrieben: So beginnt unser Text. Weisheit - Stärke - Reichtum. In diesen 3 Worten ist eigentlich alles zusammengefasst, womit wir so gerne prahlen. Weisheit - Stärke - Reichtum. Das ist es, worauf die Menschen aller Länder stolz sind und worin sie andere zu überteffen suchen. Weisheit - Stärke - Reichtum. Das sind die Kriterien, nach denen in unserer Gesellschaft das Ansehen einer Person gemessen wird. Gott stellt mal wieder alles auf den Kopf, wenn er sagt: All das, worauf wir stolz sind, soll unter uns nun nichts mehr zählen? All das, was uns aus der Masse anderer Menschen hervorhebt: unsere Klugheit, unser Intelligenzquotient, unsere Körperkraft, unsere Sportlichkeit, unsere Bildung, unsere Begabung - das soll nun keine Bedeutung mehr haben? Und das, was wir uns mühsam erarbeitet haben, unser Häuschen, unsere Einrichtung, unser Auto, unseren Urlaub, unsere berufliche Position - all das sollen wir nur für uns behalten, ohne damit vor anderen anzugeben? Tatsächlich hat es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder Christen gegeben, die sich radikal von allen Äußerlichkeiten abgewendet haben, die ganz bewusst auf Geld, Besitz und Verschwendung, aber auch auf Macht und Machtgehabe verzichtet und ein Leben in Bescheidenheit und Demut geführt haben. Will uns unser Text also zu welabgewandten Einsiedlern machen? Sollen wir alles, worauf wir stolz sind und was unser Leben schön und interessant macht, abschaffen? Sollen wir unser Licht unter den Scheffel stellen, damit es nur ja keiner sieht? Unser Text hat noch einen zweiten Vers, der uns den Schlüssel zum Verständnis liefert: „sondern: Hier nimmt unser Predigttext eine verblüffende Wendung: Er verlangt gar nicht, dass wir auf’s Prahlen verzichten sollen. Im Gegenteil: wir werden sogar dazu ermuntert: Ja, wir dürfen ruhig prahlen. Wir sollen sogar prahlen! Aber unser Prahlen wird in eine neue, andere Richtung gelenkt, eine Richtung, die Gott gefällt. Offenbar sind es andere Qualitäten, die bei Gott hoch im Kurs stehen. Und ganz vornean steht eine: die Gotteserkenntnis. Paulus gebraucht dafür ein anderes Wort. Er sagt: der Glaube. Den Christen erkennt man also nicht daran, dass er niemals prahlt, sondern daran, dass er Gottes richtiges, gerechtes und barmherziges Handeln in dieser Welt erkennt und das auch deutlich sagt. Denn genau das hat unsere Welt ganz dringend nötig. Dazu braucht Gott uns Christen. Denn unsere Welt macht viel zu oft den Eindruck, als wäre sie völlig gottverlassen. Und Menschen, die nicht viel von Gott wissen, die fragen dann ständig: „Wo ist Gott denn!" Wo ist Gott, wenn ein junger Mensch mit dem Auto in den Tod rast? Wo ist Gott, wenn unschuldige Kinder von Minen und Splitterbomben verletzt werden? Wo ist er, wenn Menschen leiden und sterben? Wenn Sie heute Abend vor dem Fernseher sitzen und die Nachrichten hören, dann fragen Sie sich doch einmal, ob Sie da irgendwo Gottes Wirken erkennen. Das fragt sich nämlich so mancher Mensch, vor allem Menschen, die nicht so viel von Gott wissen. Und dann könnten wir Christen zeigen, dass wir Gott etwas besser kennen. Eine leichte Aufgabe ist das sicher nicht. Auch den Gläubigen zur Zeit Jeremias ist es nicht immer leicht gefallen, Gott zu erkennen und sich Gottes zu rühmen. Denken wir daran, was damals alles über die Menschen hereinbrach: Israel war ein kleines Land, mal von den Assyrern, dann von den Ägyptern, dann wieder von den Babyloniern unterworfen und ausgebeutet. Brutalste Kriegsführung, Verschleppung ganzer Volksgruppen, außerdem Missernten und Hungersnöte. All das gehörte zum Leben in Israel vor 2.600 Jahren. Doch das Volk Gottes hat in all den Jahrhunderten gelernt, sich seines Gottes zu rühmen. „Schema Jischrael!" „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein!"- mit diesem uralten Gebet aus dem Buche Deuteronomium (6,4) haben sie sich ihres Gottes gerühmt, der babylonischen Gefangenschaft, der römischen Besatzungsmacht, dem Warschauer Ghetto und sogar Auschwitz zum Trotz. Auch für die ersten Christen war es gar keine Frage, dass Gott in dieser Welt zu erkennen ist, dass er „Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden". Paulus zitiert unseren Predigttext gleich zweimal in seinen Briefen (1.Kor.1,31; 2.Kor.10,17). Auch Christen haben gelernt, sich ihres Gottes zu rühmen, allen Christenverfolgungen, den Widerständen im heidnischen Abendland, den Gefängnismauern des Nationalsozialismus und auch dem modernen Unglauben gegenüber zum Trotz. Es gehört schon Mut dazu, sich dieses Gottes zu rühmen, denn er ist so anders, als ihn sich diese Welt vorstellt und wünscht. Gottes Handeln ist für die meisten Menschen, die eben keine Ahnung von Gott haben, eine „Torheit". Das hat ja schon Paulus erkannt (1.Kor.1,18). Die Menschen verstehen nicht sein Schweigen; sie verstehen nicht sein Nicht-Eingreifen; sie verstehen nicht Jesu Leiden und auch nicht sein Sterben am Kreuz. Und genau dieses Gottes sollen wir uns rühmen! Ja, ausgerechnet auf Golgatha erblicken wir Christen den Gott, den es zu rühmen gilt! Da sehen wir den Gott der Barmherzigkeit: Denn seine Barmherzigkeit besteht gerade darin, dass er sich durch nichts davon abbringen lässt, uns nahe zu sein. Da sehen wir den Gott des Rechts: Denn sein Recht besteht darin, unsere Überheblichkeit „Sünde" und unsere Fehler „Schuld" zu nennen. Da sehen wir den Gott der Gerechtigkeit: Denn seine Gerechtigkeit besteht darin, uns Schuld zu vergeben und immer wieder die Chance zum Neubeginn zu geben. Über Gottes Wirken stehen keine Artikel in der Zeitung - warum eigentlich nicht? Oder vielleicht doch? Vielleicht wird er nur übersehen, weil er sich gar zu gerne zu den Ausgestoßenen, zu den Übersehenen, zu den vergessenen stellt? Vielleicht weil Gott nicht so pressegeil ist wie wir Menschen? Vielleicht weil er für Pressekonferenzen und Fototermine keine Zeit hat? Christen haben in der Bibel gelernt, wo sie Gott finden können. Glauben lernen heißt: sehen lernen! Christen sind scharfsichtiger als andere Menschen, denn sie entdecken Gott und sein Wirken zwischen den Zeilen der Alltagsgeschichten. Und das ist doch etwas, worauf man wirklich stolz sein kann! In diesen Wochen stehen wir an der Schwelle zur Passionszeit. Um uns herum versinkt die Welt noch im letzten, taumelnden Karnevalsrausch. Immerhin stellt sie dabei auf ihre fröhliche Weise das in Frage, worauf die Menschen am stolzesten sind: Weisheit, Stärke und Reichtum. Doch mehr kann der Karneval nicht als kritisch auf’s Korn nehmen, womit die Menschen so gerne prahlen. Der Karneval verkündet auf seine Weise den ersten Vers unseres Predigttextes: Der Karneval hält den Weisen, den Starken und den Reichen den kritischen Spiegel vor und berauscht sich geradezu an dem lächerlichen Bild, das dabei herauskommt. Mehr kann man vom Karneval wohl auch nicht erwarten. Kein Wunder, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist. Nicht bei den Christen. Da, wo der Karneval am Ende ist, gehen Christen weiter. Vielleicht, weil sie nüchtern genug geblieben sind, um nicht nur die menschlichen Überheblichkeiten in Frage zu stellen, sondern sich auf die Suche nach Gott zu machen. Weil sie nicht nur über menschliche Fehler und Überheblichkeiten lachen wollen, sondern nach dem Gott fragen, der unsere Fehler erträgt, vergibt und sogar ausbügelt. Die Passionszeit weist uns die Richtung. Am Kreuz des Karfreitags und am offenen Grab des Ostermorgens werden wir Gott finden, so wie er wirklich ist. Und wenn wir Gott da gefunden haben, werden wir seinen Standpunkt auch in der Welt um uns herum erkennen, werden wir Gott sogar in unserem eigenen Leben finden. Spätestens dann wird uns klar sein, womit wir zu prahlen haben. Wir sehen dieselben Dinge wie andere Menschen. Aber wir lesen sie unter anderem Vorzeichen: Weisheit, Stärke, Reichtum - die zählen bei uns wenig. Klug ist der, der Gott kennt, der Gott erkennt in den Alltagsgeschichten dieser Welt. Klug ist der, der erkennt, wer der Herr ist! Nicht der Reiche ist der Herr der Barmherzigkeit. Nicht der Starke ist der Herr des Rechts. Nicht der Weise ist der Herr der Gerechtigkeit. Sondern der Gott, der Mensch geworden ist und sich ganz und gar den Menschen ausgeliefert hat, tut Barmherzigkeit. Der Gott, der den Hass mit der Liebe überwunden hat, tut Recht. Der Gott, der den Tod durch das Leben überwunden hat, schafft Gerechtigkeit. Diesen Gott kennen und ihn als den Herrn bekennen - erst das macht einen Reichen wirklich reich, einen Weisen wirklich weise und einen Starken wirklich stark. Amen.
Gottesdienst am 31.10.2007 in der Christuskirche zu Hangelar mit Pfarrer Hans-Georg Falk Predigttext: Galater 5, 1 „Zur Freiheit befreit" Liebe Gemeinde! Wir begehen heute den Reformationstag. Für uns Protestanten ist er ein Festtag, auch wenn es uns schwer fällt, festliche Gefühle zu entwickeln. Wenn man zur Arbeit oder einkaufen geht, wenn man als in die Schule gehen muss, einige Schüler, wie ich gehört habe, sogar Klassenarbeiten schreiben müssen und zu Hause dann auch noch Hausaufgaben anstehen - dann kommt man tatsächlich nicht so leicht in Feiertagsstimmung. So dümpelt der Reformationstag im Bewusstsein der Menschen eher ein bisschen unauffällig dahin im Windschatten des großen Allerheiligenfestes. Einziger Vorteil: Wir haben ihn und wir feiern ihn und brauchen uns nicht zu sorgen, dass er mal vom Staat abgeschafft werden könnte. Wir wissen, was wir an ihm haben: Vor 484 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen an das Nordportal der Witterberger Schlosskirche geheftet. Ø ein mutiger Schritt Ø ein Schritt aus der Sicherheit des Schweigens heraus, Ø ein Schritt in die Freiheit, die das Evangelium schenkt. Von dieser Freiheit soll heute die Rede sein. Und wir wollen uns dabei an einem Text orientieren, den Paulus einst den christlichen Gemeinde in Galatien geschrieben hat - Galater 5, 1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit; so steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!" Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Das ist so etwas wie eine große Überschrift, die Paulus über seine Verkündigung des Evangeliums setzt. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Martin Luther hat das für sich neu entdeckt; und das Wissen um diese Freiheit ist zum Motor der Reformation geworden. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Gibt es diese Freiheit noch? Fühlen wir uns als „Freie"? Wissen wir, dass wir von Jesus „Befreite" sind? 3 Beispiele für „befreite Christenmenschen" 1. Paulus - vor Damaskus Paulus war der Erste, der über diese Freiheit nachgedacht hat, die von Jesus kommt. Paulus hat den Übergang von Gefangenschaft zu Freiheit am eigenen Leibe kennengelernt. Dabei denkt er gar nicht mal zuerst an seine Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte. Nein, die eigentliche Befreiung, die sein Leben rundum verändert hat, die hatte mit Gefängnismauern nichts zu tun. Diese Befreiung hatte er einst auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus erlebt. Da begegnete ihm Jesus. Und in dieser Begegnung beginnt seine Befreiung damit, dass er seine Knechtschaft erkennt. Führen wir uns diesen Saulus aus Tarsus einmal vor Augen. In der Apostelgeschichte wird anschaulich beschrieben, wie er gegen die Jünger Jesu „geschnaubt" habe „mit Drohen und Morden" (Apg. 9, 1). Paulus selbst bestätigt das. Gerade im Galaterbrief beschreibt er sein Leben „früher im Judentum", wie er damals „über die Maßen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte" und wie er „über die Maßen für die Satzungen der Väter" eiferte (Gal. 2, 13f). Als er Jesus begegnet, wird es dunkel vor seinen Augen. Das bedeutet: Das Dunkle seines bisherigen Lebens steht ihm plötzlich vor Augen; er wird sich seiner Gefangenschaft bewusst: Ø gefangen in der Tradition, in der er aufgewachsen ist; Kommt Ihnen das bekannt vor, liebe Gemeinde? Ein religiöser Eiferer, ein Fanatiker; mit der Religion groß geworden. Er möchte es besser machen als andere, sie in seinem Einsatz für die Religion übertreffen. Er meint, für die grechte Sache zu kämpfen, ruft sozusagen den Heiligen Krieg gegen diese Jesusanhänger aus. Und irgendwann ist er überzeugt davon, dass jedes Mittel erlaubt ist. Nein, er konnte damals noch kein Flugzeug entführen, er konnte noch keine Hochhäuser zum Einsturz bringen, er konnte noch nicht mit Chemiewaffen drohen. Aber er war genau so ein religiöser Fanatiker wie diejenigen, die heutzutage von sich reden machen. Er war genau wie sie gefangen in der Dunkelheit ihres Wahns. Er sah wie sie nicht mehr die Menschenleben, die er zerstörte, er sah wie sie nicht mehr die Gebote seiner Religion, die das Morden verbot. Und er achtete wie sie sein eigenes Leben gering gegenüber der Idee, die scheinbaren Feinde seiner Religion auszurotten. So einer war Paulus, liebe Gemeinde! Ein Gefangener in großer Finsternis. Doch sein Leben sollte noch nicht zu Ende sein. Er sollte noch eine Chance zur Umkehr bekommen. Jesus begegnet ihm. Ganz plötzlich fällt von Jesus her ein Licht auf seine Gefangenschaft: er erkennt: Ø Tradition muss man abschütteln, wenn sie nicht gut ist! Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Paulus braucht ein paar Tage, wahrscheinlich waren es sogar ein paar Jahre, bis er die Freiheit, die von Jesu Botschaft ausgeht, in ihrer ganzen Auswirkung erkannt hat. Immerhin sind etwa 20 Jahre seit seinem Befreiungserlebnis vergangen, bevor er seinen Brief an die Galater schreibt. Was ist das nun für eine Freiheit, die Paulus mit Jesus neu gewonnen hat? Paulus hat die Freiheit gefunden, sich als Kind Gottes zu fühlen, ohne jede Angst, wegen seiner Fehler verstoßen zu werden. Und diese Freiheit setzt neue Kräfte in Paulus frei: 2. Luther - auf der Wartburg 2. Beispiel eines befreiten Christenmenschen: Fast 1.500 Jahre später ist ein anderer Mensch gefangen - frei und doch gefangen: vogelfrei! Martin Luther sitzt hinter dicken Mauern, nicht im Gefängnis, aber unter falschem Namen versteckt. Und trotzdem sind gerade die Mauern der Wartburg zum Symbol für die christliche Freiheit geworden. So schreibt Luther in einem Brief von der Wartburg an seinen Freund am kurfürstlichen Hof, Spalatin. Vom Papst mit dem Kirchenbann belegt, vom Reichstag zu Worms vogelfrei erklärt, von Freunden entführt und auf der Wartburg in Sicherheit gebracht - da hat Luther sein „Damaskuserlebnis": Er spürt Befreiung. Alles, was ihn früher gebunden hatte, Rücksichtnahme, Kompromissbereitschaft, Zweifel, Angst, das bleibt nun zurück. Er weiß zwar nicht, wie es weiter gehen soll, weiß, wie bedroht sein Leben ist. Aber er hat die Freiheit bekommen, sich in Gottes Hand geborgen zu fühlen; er hat die Freiheit, das auf sich zukommen zu lassen, was Gott noch mit ihm vorhat. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Diese frohe Botschaft findet er im Galaterbrief des Paulus. Und so schreibt er eine seiner ersten wichtigen Schriften „Von der Freiheit eines Christenmenschen". Das ist sein erster Satz. Und der zweite lautet: Mit diesen zwei Sätzen hat Luther nicht nur die Logik, sondern die gesamte Kirche und den Staat dazu auf den Kopf gestellt. Der Christ als freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Luther will sagen: Auf die äußerlichen Dinge kommt es nicht an: essen oder fasten, gesund sein oder leiden, Wallfahrten machen oder scheinheilig beten, Heilige Gewänder oder Arbeitskleidung tragen. Was liegt schon daran? Das Evangelium macht frei davon, sich von äußeren Vorschriften knechten zu lassen. Und solch ein frei gewordener Christenmensch ist dann so frei, dass er sich gerne zum dienstbaren Knecht seines Nächsten macht. Die dicken Mauern der Wartburg sind uns bis heute ein Symbol für die Freiheit des Christen: 3. Wir - Christen in Hangelar 3. Beispiel eines befreiten Christenmenschen: Wir haben unser Einkommen, wir haben unser Auskommen Und wir haben noch ein bisschen mehr als das. Verfolgt wird hier keiner mehr - jedenfalls nicht, weil er Christ ist. Unbequeme Meinungen kann hier jeder von sich geben - ob man darauf hört, ist eine andere Sache. Die Freiheit eines Christenmenschen ist verwirklicht, oder? Da liest man in der Zeitung, dass ein Autofahrer wegen stark überhöhter Geschwindigkeit kürzlich die Kontrolle über seinen Wagen verlor. Er erfasste einen Fußgänger, der schwer verletzt wurde. Freiheit? In einer Toillette des Frankfurter Bahnhofs fand die Polizei eine weibliche Leiche. Vermutlich starb sie an einer Überdosis Heroin. Freiheit? Die Zahl der Arbeitslosen ist auf 3,5 Millionen gesunken. Freiheit? Überall in der westlichen Welt geht die Angst vor Terroranschlägen um. Freiheit? Der Besuch von Vergnügungsparks, Ausflüge und Ausruhen sind die liebsten Beschäftigungen an Sonntagen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher liegt in evangelischen Gemeinden sonntags durchschnittlich noch bei 2,5 % der Gemeindeglieder. Freiheit? Mit Halloween hat sich am 31. Oktober ein Fest etabliert, an dem die Dämonen muntere Wiederauferstehung feiern und Kinder in die Rolle jener heidnischen Priester schlüpfen, die von den Leuten Gaben verlangt haben, um die Dämonen damit zu besänftigen.Ein grusliges Spiel mit der Angst - Luther war da schon mal weiter in Sachen „christliche Freiheit" mit seinem Lied „Und wenn die Welt voll Teufel wär - so fürchten wir uns nicht so sehr". Freiheit im Jahre 2007!? Ich behaupte: Wir alle sind gefangen! In unserer Arbeit, in unserer Familie, in unseren Begierden, in unserem Hass, in unseren Ängsten, in sozialen Zwängen, in Trends und Modeerscheinungen. Wo ist denn da die „Freiheit eines Christenmenschen"? Manchmal spüre ich sie, die Freiheit, die aus dem Evangelium kommt. Ich spüre sie, wenn ich sehe, wie Menschen einander helfen, einfach so. Ich spüre sie, wenn Menschen ihre Angst vor einer bösen Krankheit überwinden. Ich spüre sie, wenn Liebe oder Frieden sich irgendwo Bahn brechen - oftmals unkonventionell, ungeplant, unvernünftig, einfach, weil man so frei ist. Manchmal spüre ich sie, die Freiheit, auch in unserer Gemeinde. Wenn sich einfach so Menschen einbringen, anpacken, Ideen entwickeln und umsetzen, ohne danach zu fragen, ob Geld vorhanden ist. Wo Menschen einfach Gutes tun, einander besuchen, das richtige Wort zur richtigen Zeit sagen, ohne ein Amt zu habern, einfach, weil sie so frei sind, es zu tun. Doch dann spüre ich auch immer wieder meine Gefangenschaft: gefangen in Angst, in Ratlosigkeit, in Mutlosigkeit, gefangen in Strukturen und Denkweisen, die Freiheit beschneiden und Leben verkümmern lassen. Ach könnten wir doch befreiter leben, befreiter lieben und auch andere Menschen befreien von ihrer Angst, von ihrer Wohlstandsgläubigkeit, von ihrer Nie-Zufriedenheit, von ihrer Gleichgültigkeit, von ihrer Oberflächlichkeit und all dem anderen, was sie gefangen hält. Ein Trost: Auch Paulus war nicht immer frei! Martin Luther auch nicht! Dennoch: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Freiheit ist uns verheißen und das macht uns Christen immer wieder zu Rebellen, die Freiheit einfordern. Das ist Ich sage: Das ist die Botschaft des 31. Oktober und muss es bleiben: Nicht, dass wir Angst vor den bedrohenden Mächten dieser Welt haben müssten, sondern dass wir frei sind zu einem befreiten und nur von Gott bestimmten Leben. Es liegt an uns, ob wir uns unter das Joch irgendeiner Gefangenschaft drücken lassen. „Und wenn die Welt voll Teufel wär…" - Wir haben doch Gott als einen starken Halt hinter uns und Jesus in all den Tiefen und Trostlosigkeiten neben uns. Was können mir da Menschen tun? (vgl. Ps. 56, 5) Amen.
Kardinal Lehmann: "Wir trinken alle aus denselben Kelchen" Es wurde das erhofft ökumenische Zeichen. Mehr als 3.000 Menschen aller Konfessionen strömten zum Reformationstag in die Bonner Kreuzkirche. So viele, wie noch nie, seit der Evangelische Kirchenkreis zur zentralen Bonner Reformationsfeier einlädt. Kardinal Karl Lehmann , Gastprediger im Festgottesdienst, baute viele ökumenische Brücken: vom Reformationsjubiläum 2017, das seiner Ansicht nach eine gemeinsame Herauforderung für alle christlichen Kirchen sei, bis zum Abendmahl. "Wir trinken alle aus denselben Kelchen", rief der Mainzer Bischof und langjährige wie prägende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz den Gläubigen in der Kreuzkirche zu. In seiner bekannt kantigen Art machte Lehmann klar: "In jeder Spaltung versagen wir, sie ist und bleibt ein Ärgernis" und "ausgerechnet beim Herrenmahl, wo es um die Einheit des Leibes Christi geht, werden Spaltungen besonders laut".
Bischof Karl Lehmann: "Lasst uns gemeinsam auf Luthers Spuren gehen!" (Foto: M. Böschemeyer) Lehmann warnte davor, den Reformationstag - gerade im Hinblick auf das 500-jährige Jubiläum des Thesenanschlags in Wittenberg 2017 - zu instrumentalisieren, sei es konfessionell oder politisch. Stattdessen warb er für eine Rückbesinnung auf Luthers Theologie und schon die erste der 95 Thesen des großen Reformators: "Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht `Tut Buße´(Mt 4,17) hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei." Nachdrücklich sprach er sich für die Stärkung der Ökumene und einen "geistlichen Ökumenismus" aus. "Dazu helfen uns viele gemeinsame Unternehmungen in der wissenschaftlichen Theologie, im ökumenischen Fachgespräch und im vielfältigen Leben der Kirche nicht zuletzt auch in Diakonie und Caritas", sagte er und machte damit den vielen Menschen Mut, die sich in den Kirchen auf allen Ebenen für die Einheit der Christenheit einsetzen.
Kein Platz mehr frei: Zum Reformationstag strömten die Massen in die Kreuzkirche, die größte evangelische Kirche im Rheinland. (Foto: M. Böschemeyer) Die mehr als 3.000 Besuchern hörten es mit gebannter Andacht und erlebten zum Reformationstag, so der Bonner Superintendent Eckart Wüster, einen "bemerkenswerten ökumenischen Gottesdienst mit evangelischem Profil". Letzteres nicht zuletzt durch die Kantorei der Kreuzkirche mit ihrer Aufführung der Bach-Kantate "Gott der Herr ist Sonn und Schild" unter Leitung von Karin Freist-Wissing. Stefan Horz spielte die Orgel. Schon zum Einzug hatten Bläser der Bonner Lutherkirche die Gottesdienstgemeinde mit bekannten Chorälen vom hohen Turm der Kreuzkirche herunter stimmungsvoll begrüßt. Wissend, dass es im Vorfeld unter protestantischen Christen einige kritische Stimmen über eine so prominente, katholische Gastpredigt gerade zum Reformationstag gegeben hatte, machte Superintendent Wüster deutlich: "Evangelische Kirche ist immer auch ökumenisch" und "wo einige bereits die ökumenische Eiszeit ausrufen, setzen wir in Bonn bewusst ein Zeichen für die Zukunft der Kirche". Bestärkt durch den großen Zuspruch der Menschen, kündigte Wüster an, diesen Gottesdienst als zentrale Reformationsfeier mit Jahresempfang der Evangelischen Kirche in Bonn und der Region für eine breite Öffentlichkeit weiter auszubauen". Viele ranghohe Vertreterinnen und Vertreter aus der Ökumene sowie aus Politik und Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft waren schon dieses Mal dabei und feierten mit. Die Predigt von Bischof Karl Kardinal Lehmann finden Sie unten auf dieser Seite zum kostenlosen Download.
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